Jetzt habe ich lange nicht mehr geschrieben bzw. gebloggt, wie es neudeutsch heißt. Und nun melde ich mich gleich mit einer schweren Kost wie den "Problemen dieser Welt" zurück. Aber ich muss einfach mal einige Gedanken loswerden. Was sind die schwerwiegenden Probleme dieser Welt?
Jeder beurteilt das wohl für sich anders. Während in Pakistan Massen von Menschen sterben oder vor dem Nichts stehen, weil die Flut ihnen alles genommen hat, stürzt hierzulande die Welt ein bzw. werden die Grundfesten bis ins Mark erschüttert, wenn aufgrund von Erkrankung des Stammzustellers die Zeitung erst mittags geliefert wird. Mir vor paar Tagen passiert.
Als Ersatz für einen erkrankten Kollegen habe ich eine Tour, die ich nicht kannte, für die Ersatzzustellung der Tageszeitung vormittags übernommen. Dass der eine oder andere Fragen stellen würde, hatte ich erwartet. Aber dass sich die Zustelltour zu einem regelrechten Spießroutenlauf gestalten würde, das hat selbst mich, die mit allen Gehässigkeiten dieser Welt rechnet, erstaunt.
Ein ganzer Straßenzug - adrette Einfamilienhäuser, gepflegte Siedlung - war in Aufruhr. Überall gingen die Türen auf und Fragen wie "Was jetzt bringen Sie erst die Zeitung?" drangen an mein Ohr. Fast automatisch antwortete ich mit etwas wie: "Ja, der Kollege ist plötzlich erkrankt, da musste die Ersatzzustellung einspringen....". In der Hoffung, dass diese Erklärungen reichen würden, wollte ich weitermachen. Aber immer mehr Türen öffneten sich: "Warum sind Sie so spät? Wir warten schon auf unsere Zeitung." Eine ältere Dame war ganz lieb und hatte Verständnis. Während ich ihr kurz erklärte, was geschehen war, stürmte eine andere (jüngere) Dame auf meine Karre zu und riss sich eine Zeitung raus: "Ich darf doch mal eben. Kein Wunder, dass Sie so spät kommen, wenn sie nur am quatschen sind."
Das ließ ich nicht auf mir sitzen und brüllte ihr ein (kundenunfreundliches) "Immer mal menschlich bleiben. Wenn schon die Ersatzszustellung kommt, weil der Stammzusteller unerwartet ausfällt, muss die Möglichkeit drinsitzen, einer fragenden Kundin auch die Antwort zu geben, die sie braucht. Und ich bin hier nur der Depp, der es von allen Seiten von Menschen wie Ihnen abkriegt. Und ich kann am allerwenigsten dafür. Ich opfere meinen freien Samstag um überhaupt einzuspringen und muss mir hier sowas gefallen lassen." Ich war maßlos wütend. Die andere rauschte schnell ab und verschwand hinter ihrer Haustüre. Da ich ein lautes Organ hatte, mussten sich zwischenzeitig auch andere wieder still zurückgezogen haben, wissend, dass sie ihre Zeitung ja nun endlich bekommen würden.
Am liebsten hätte ich aber etwas ganz anderes gesagt, und ich ärgere mich, dass ich es mir aufgespart hatte. Deshalb folgt jetzt mein Plädoyer an alle, die wegen einer zu spät gelieferten Zeitung (wenn es dafür ernste, plausible Gründe gibt) durchdrehen:
"In Pakistan ertranken Menschen. Häuser wurden fortgerissen, wer es überlebt hatte, steht vor dem Nichts. Er hat nichts mehr zu erwarten, außer der Wahrscheinlichkeit, nun auch noch Opfer von Seuchen zu werden. In Deutschland machen provozierende Thesen zur Migration eine ganze Gruppe von Migranten pauschal zu angeblich Dummen. Überall in der Welt gibt es Hunger, Not und Elend. Tiere werden grausam und billig geschlachtet, nachdem sie zuvor unter unwürdigsten Bedingungen ein kurzes Dasein als Masttier in der Massentierhaltung fristen mussten. Manch einer steht vor dem finanziellen Ruin, weil seine Firma, bei der er 30 Jahre lang beschäftigt war, wegen Missmanagements in Insolvenz gehen musste und mittlerweile zerschlagen wurde. Jobverlust, Zukunftsängste, nicht mehr wissen wie es weitergeht. Das sind die wirklich wichtigen Probleme dieser Welt. Und jeder, der sich angesichts einer ausnahmsweise mal später gelieferten Zeitung aufregt lasse sich sagen: "Du, mein Freund, bist nicht der Nabel dieser Welt. Vielleicht der deinen, aber nicht der meinen! Wenn dein Problem eine zu spät gelieferte Tageszeitung ist, dann sei beglückwünscht, denn dann weißt du nicht, was Probleme sind. Und solltest du jemals echte Probleme kennengelernt haben, was ich bezweifle, dann würdest du dich wegen einer Zeitung, die ansonsten jeden Tag pünktlich in deinem Briefkasten steckt, nicht so dermaßen aufregen und deine beschissene heile Welt gerade einstürzen sehen." Das wären echte Antworten gewesen. Und jeder, der dieses Plädoyer liest, sollte auf die Seite gehen, damit er von dem Schwall meiner Kotze nicht getroffen wird, die sich gerade den Weg durch meinen Hals nach draußen bahnt, weil mir angesichts dieser spießigen Ignoranz schlecht wird."
So, nachdem ich virtuell gekotzt habe, fühle ich mich besser... und gleichsam doch wieder schlecht, weil ich weiß, dass Pakistan und politische Migrationsdebatten nur ein winziger Bruchteil aller Probleme dieser Welt sind, die aufzuzählen weder meine Zeit, noch der Platz hier in diesem Blog zulassen.